Was ist Transpersonale Psychotherapie?

Teil 3: Transpersonale Verhaltenstherapie


Wenn wir die Transpersonale Psychologie nicht einschränken auf die Erforschung des Bewusstseins und nicht nur als eine 1969 in Kalifornien entstandene Strömung der humanistischen Psychologie auffassen, lassen sich ohne weiteres auch Brücken zu anderen Therapieformen schlagen. So lässt sich die heutige kognitive Verhaltenstherapie sehr gut mit Religiosität (der "Rückbindung" an ein bestimmtes religiöses System) und Spiritualität (der persönlichen Beziehung zu etwas Transzendentem) vereinbaren (vgl. Harnack 2007 und Harnack 2008). Die heutige Verhaltenstherapie ist längst nicht mehr das Verfahren der Konditionierung von Menschen und Mäusen, das sie einst war. Heutige kognitiv-behaviorale Therapie kann alles umfassen, was sich nach wissenschaftlichen Standards als wirksam erweist, um Menschen zu für sie selbst positiven Veränderungsprozessen zu bewegen, wobei sogar die typischen Annahmen der tiefenpsychologischen Schulen (vor allem eines aktiv auf Entscheidungen und Erleben einwirkenden Unbewussten) in der Schematherapie nach Young mit der Verhaltenstherapie verbunden werden.

Einige Unterschiede zu psychoanalytischen Verfahren bleiben jedoch bestehen. Verhaltenstherapie fokussiert stärker auf Lösungsansätze und pragmatische Veränderungsziele als auf die Erkenntnis des Woher und Weshalb einer Störung. Verhaltenstherapie ist also stärker am Hier und Jetzt als am Damals orientiert. Und moderne Verhaltenstherapie geht von einer relativ autonomen, selbst zur Steuerung des eigenen Innenlebens befähigten Persönlichkeit aus. Durch Erkenntnis der halbbewussten Gedanken und Annahmen, die uns das Leben erschweren, sowie das Einüben neuer Denk- und Handlungsweisen lässt sich nach Ansicht der kognitiven Therapie bereits eine große Zahl an psychischen Problemen durchaus dauerhaft lösen. Rein übende ("gegenkonditionierende") Verfahren sowie komplexe, zum Beispiel imaginative Verfahren für andere Problemfelder treten hinzu.

Dass sich dieser pragmatische Ansatz mit einer transpersonalpsychologischen Sichtweise in Einklang bringen lässt, ist nicht selbstverständlich. Tiefenpsychologisch und humanistisch orientierte Transpersonalpsychologen werfen Verhaltenstherapeuten zuweilen vor, nicht an tiefgreifenden Entwicklungsprozessen und damit nicht an der Entwicklung eines spirituellen oder höheren Selbst interessiert zu sein. Das ist aber unrichtig. Tatsächlich lässt sich spirituelle Weiterentwicklung eben gerade nicht nur dadurch fördern, dass man in seine Vergangenheit zurückgeht ("regrediert"), dass man sein Innerstes erforscht und tiefliegende Konflikte und innere Problemkonstellationen erkennt und auflöst. All diese Prozesse sind wichtig und werden auch in einer kognitiv-behavioralen Therapie nicht ignoriert. Aber dort wird stärker betont, dass auch spirituelle Entwicklung ein selbstgesteuerter Prozess ist, den ich durch die Kardinalfaktoren der positiven Veränderung selbst bewirken kann:

  • Einsicht in meine bisherigen Muster und Denkgewohnheiten
  • Training, um alte Muster zu durchbrechen und zu verändern
  • Veränderung äußerer (z. B. zwischenmenschlicher) Bedingungen, die positive Muster verstärken und negative schwächen.

Immer wieder wurde seit dem Dialog von Erich Fromm und Shunryu Suzuki, etwa von Graf Dürckheim, versucht, Psychoanalyse mit Buddhismus zu vereinbaren. Tatsächlich aber gibt es unüberwindbar Trennendes zwischen beiden Ansätzen (die Bedeutung des Unbewussten, die Bedeutung der Vergangenheit, die Bedeutung eines stabilen Ichs). Hingegen ist der buddhistische Weg der Geistesschulung ein unmissverständlicher Vorläufer heutiger kognitiv-behavioraler Therapie - und hat sogar einige Verfahren, wie die DBT-Therapie nach Marsha Linnehan, direkt beeinflusst. In etwas geringerem Maße gilt dies auch für jede andere übende Mystik, vor allem für die hinduistische und daoistische Spiritualität, die der Verhaltenstherapie in der Denkweise mindestens ebenso nahe steht wie der Tiefenpsychologie. Die christliche, kabbalistische und sufistische Mystik hingegen lässt sich mit der verhaltenstherapeutischen Sichtweise zwar gut verbinden, enthält jedoch viele Elemente, denen ein tiefenpsychologischen Konzept wie das C. G. Jungs mindestens ebenso gut angeglichen werden kann, so dass grundsätzlich die beiden Seiten verhaltenstherapeutischer wie tiefenpsychologischer Perspektive zur Ergänzung gebracht werden sollten (vgl.Harnack 2011).

Wie sich traditionelle Religiosität mit Verhaltenstherapie vereinbaren lässt, haben verschiedene Autoren demonstriert, beispielsweise Stevan Nielsen und W. Brad Johnson mit Albert Ellis. Dabei werden im Wesentlichen die nicht zielführenden Weltbildannahmen des Klienten, die aus seiner Religiosität herrühren, innerhalb dieser Religiosität korrigiert, nicht gegen sie. So wird eine für die Klientin hinderliche Annahme darüber, wie Menschen zu sein haben, bei einer christlich orientierten Klientin durch Besprechung der dahinter stehenden Annahmen über Gott hinterfragt. Wie sich ein genuin transpersonalpsychologischer Ansatz mit Verhaltenstherapie vereinbaren lässt, hat (vielleicht erstmals in dieser Form) Harald Piron in seinem Buch Transpersonale Verhaltenstherapie gezeigt. Er verbindet darin die Psychosynthese Assagiolis als leitendes Konzept mit verhaltenstherapeutischen Methodiken. Grundsätzlich lässt sich Verhaltenstherapie als Konzept für menschliches Lernen auf verschiedenen Ebenen jedoch jedem spirituellen Veränderungs- und Entwicklungsprozess zugrundelegen (vgl. Harnack o. J.). Es ist lediglich erforderlich anzuerkennen, dass Spiritualität zumindest in Teilen ein autonom gesteuerter Prozess der eigenen Einübung darstellt und nicht - wie manche religiösen Positionen betonen - eine auf göttliche Gnade allein angewiesene oder auf bloßer Befolgung von Geboten des Wohlverhaltens beschränkte Praxis.