Was ist Transpersonale Psychotherapie?


Teil 1: Transpersonale Psychologie


Der Begriff des Transpersonalen in der Psychologie

Transpersonal kommt von lateinisch „trans“ = „über; jenseits“ und „persona“ = „die Person“ (eigentlich "das Durchtönende" als die Bezeichnung für die Maske des antiken Theaterschauspielers, durch die hindurch er zu hören ist). Transpersonal meint also „über die Person hinausreichend“, "jenseits des Personalen". Das Wort wird heute praktisch nur im Zusammenhang „transpersonale Psychologie/Psychotherapie“ gebraucht. Wörtlich genommen impliziert der Begriff also, dass es eine Existenzebene jenseits der Person gibt (obwohl manche transpersonalen Psychologen das nicht mehr so zu sehen scheinen: siehe unten). Transpersonale Psychologie (in einem dezidiert transzendentalen Sinne) ist also eine Psychologie, die über den einzelnen Menschen hinaus denkt, auf eine höhere, transzendente Wirklichkeit hin:


Definition:

Transpersonale Psychologie ist ein Zweig der akademischen Psychologie, der sich der Beziehung zwischen dem Menschen und dem Transzendenten mittels psychologischer Methoden und psychologischer Theorie widmet, wobei er die Existenz des Transzendenten als gegeben voraussetzt.

Begriffe wie „das Transzendente“ oder „die Transzendenz“ bzw. „das Heilige“, das "Numinosum" (nach dem Religionswissenschaftler Rudolf Otto) bezeichnen eine Wirklichkeit, die über unsere materielle Existenz als biologische Wesen in einer physikalisch-stofflichen Welt hinausgeht. Nach verschiedenen Umfragen glauben drei Viertel der Menschen in Europa (und weit mehr in den USA) an die Existenz einer solchen „anderen“ Realität (allerdings sind es in den neuen deutschen Bundesländern weltweit am wenigsten). Wenn wir ein bestimmtes Bild von dieser Realität und dem daraus abgeleiteten Auftrag an unser Leben besitzen, wird daraus eine bestimmte Religion. Dann wird das Transzendente mit Namen wie „Gott“, „Allah“, „Adonai/Jahwe“ oder auch „Buddha/Dharmakaya“, „Brahman“, „Tao“ bezeichnet. An solchen Bezeichnungen hängt stets eine ganze Theologie oder Philosophie, ein weitreichendes gedankliches Gebäude von Einstellungen und Praktiken. Ein solches Denkgebäude, das einer einzigen Religion angehört, wird von der Transpersonalen Psychologie nicht übernommen. Sie sollte aber auch kein anderes pseudo-religiöses Theoriegebäude an dessen Stelle setzen, um selbst zur Religion zu werden.

Die transpersonale Psychologie, wie sie hier verstanden wird, lässt sich nicht einer einzigen Religion zuordnen und schon gar nicht ist sie eine Religion. Sie ist völlig über-konfessionell und keine Teildisziplin irgendeiner einzelnen Religion, sondern eine Teildisziplin der akademischen Psychologie. Sicherlich wird jeder, der sich mit Religion und Religionen befasst, nicht umhin können, zu einer eigenen Meinung zu gelangen und deshalb wird jeder transpersonale Psychologe einen eigenen, persönlichen Glauben haben. In der Arbeit als Transpersonalpsychologe oder -psychologin sollte er oder sie jedoch eine Vogelperspektive wahren, um verschiedene Glaubensüberzeugungen verschiedener Menschen zu respektieren. Insofern ähnelt die transpersonale Psychologie als Wissenschaft der Religionswissenschaft, die alle Religionen mit wertneutralem Blick vergleichend untersucht.

Hingegen unterscheidet sie sich sowohl von der Religionswissenschaft als auch von der ebenfalls verwandten Disziplin der Religionspsychologie darin, dass sie nicht wie diese gegenüber der Existenz des Transzendenten selbst neutral bleibt. Im Gegenteil: Sie nimmt eindeutig an, dass dieses Transzendente existiert und dass es erhebliche und für uns als Menschen bedeutsame Auswirkungen auf unser Leben besitzt. Die transpersonale Psychologie ist in dieser Hinsicht also nicht wertneutral. Sie setzt als obersten Grundsatz, als Axiom ihres Forschens und Handelns nicht die Wertneutralität, sondern die Annahme, dass es einen höchsten Wert gibt, den sie selbst ebenso verwirklichen möchte, und dass dieser höchste Wert im Transzendenten, dem Heiligen liegt. Die Religionspsychologie hingegen macht eine solche Vorannahme nicht und verhält sich der Religion gegenüber völlig „neutral“. Ihr Forschungsobjekt ist nämlich nicht das Transzendente, das sogar ausdrücklich methodisch ausgeklammert wird, sondern der gläubige oder ungläubige Mensch und seine Handlungen, Erfahrungen, Einstellungen, Konsequenzen seiner Religiosität etc.

Eine nahe verwandte Disziplin ist auch die Parapsychologie bzw. die neuerdings so bezeichnete Anomalistik als die Erforschung von Phänomenen, die durch das gängige Wissenschaftsverständnis nicht erklärbar sind (z. B. Telepathie, Hellsehen etc.). Verbindung ergeben sich durch gemeinsame Erfahrungsbereiche, die als spirituelle/mystische oder parapsychologische Erfahrung interpretierbar sind. Meditationserfahrungen oder spirituelle Erfahrungen (in heftiger, unbeabsichtigter Form als "spirituelle Krisen" bezeichnet) können solche paranormalen Elemente enthalten.

Besonderes Interesse für die Transpersonale Psychologie besitzt auch die Erforschung außergewöhnlicher Bewusstseinszustände, die also vom gewöhnlichen, das heißt während einer Mehrheit der Tageszeit bei einer Mehrheit der Menschen unserer Kultur auftretenden Bewusstseinszustand abweichen. Anlass dazu sind Beobachtungen religiösen Erlebens in Trancezuständen z. B. bei Schamanen, die Versenkungszustände bei bestimmten meditativen Techniken und die religiösen Erfahrungen, die zuweilen unter einigen Drogen gemacht werden. Die an diese Bewusstseinsveränderungen herangetragene Fragestellung „Gibt es ungewöhnliche Bewusstseinszustände, die den Menschen das Transzendente erfahren lassen und wenn ja, wie sehen sie aus, wie entstehen sie und wie lassen sie sich herstellen?“ verdankt die Transpersonale Psychologie hauptsächlich dem Einfluss Stanislav Grofs. Allerdings sei an dieser Stelle davor gewarnt, die Transpersonale Psychologie mit der Erforschung veränderter Bewusstseinszustände gleichzusetzen.

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Historisches

Das Wort "transpersonal" taucht anfangs des 20. Jahrhunderts gelegentlich beiläufig auf. Jedenfalls ist es kaum möglich, die Begriffsschöpfung "transpersonal" (die oben definierte Verwendung des Wortes) William James zuzuschreiben (wie zuweilen geschehen), wenn auch die Wortschöpfung auf ihn zurückgehen mag, verwendet im Sinne von "interpersonell/intersubjektiv". Es war dann eine Gruppe humanistisch orientierter Psychologen um Abraham Maslow, die eine spirituelle Befähigung des Menschen zu den wesentlichen, positive Lebenserfahrungen ermöglichenden psychischen Ressourcen rechneten. Unter ihnen war es Anthony J. Sutich , der den Begriff in die wissenschaftliche Debatte einführte, indem er 1968 einen Artikel unter eben diesem Titel veröffentlichte, auch wenn es seiner eigenen Darstellung zufolge Stanislav Grof war, der den Begriff entdeckte und Sutich vorschlug, aber nicht selbst veröffentlichte. Von Sutich stammt jedenfalls die erste veröffentlichte Definition dessen, was diese, von ihm so genannte „Vierte Kraft der Psychologie“ (nach Behaviorismus, Psychoanalyse und Humanistischer Psychologie) ausmacht:

"Transpersonale (oder «Vierte-Kraft-») Psychologie ist der Titel, der einer aufstrebenden Kraft im psychologischen Feld von einer Gruppe Psychologen und Männer und Frauen aus anderen professionellen Gebieten gegeben wurde, die an den ultimativen menschlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten interessiert sind, welche keinen systematischen Platz in positivistischer oder behavioristischer Theorie („Erste Kraft“), in klassischer psychoanalytischer Theorie („Zweite Kraft“) oder humanistischer Psychologie („Dritte Kraft“) finden. Die neu aufleuchtende Transpersonale Psychologie („Vierte Kraft“) ist besonders bemüht um die empirische, wissenschaftliche Erforschung von – und den verantwortungsbewussten Umgang mit den Befunden zu – Werden, individuellen und speziesweit verbreiteten Metabedürfnissen, ultimativen Werten, ganzheitlichen Bewusstseinszuständen, Gipfelerlebnissen, B-Werten , Extase, mystischen Erlebnissen, Ehrfurcht, Sein, Selbstverwirklichung, Essenz, Segnung, Wunder, endgültiger Bedeutung, Transzendierung des Selbst, Geist, Einheit, kosmischem Bewusstsein, individueller und speziesweiter Übereinstimmung, maximaler interpersonaler Begegnung, Sakralisierung des Alltags, transzendentalen Phänomenen, kosmischem Selbst-Humor und Verspieltheit, maximaler sensorischer Bewusstheit, Empfänglichkeit und Ausdrucksfähigkeit sowie ähnlichen Konzepten und Aktivitäten." *)


Dieser Artikel erschien 1969 im von Sutich, Maslow und Grof (zusammen mit J. Fadiman, Miles Vich und S. Margulies) begründeten Journal of Transpersonal Psychology, dem ersten und bis heute international führenden Publikationsorgan für die transpersonale Psychologie. Ebenfalls 1969 wurde die Association for Transpersonal Psychology gegründet. 1975 gab der Psychologe Charles Tart das Buch „Transpersonal Psychologies“ heraus, das erste akademisch-psychologische Werk, das die Transpersonale Psychologie im Titel führte. Und im selben Jahr gründete Robert Frager in Palo Alto (Kalifornien) das Institute of Transpersonal Psychology, das bis heute (jetzt unter dem Namen Sofia University) Student(inn)en zu Transpersonalen Psycholog(inn)en ausbildet. *)


Aktuelle Situation

An den Universitäten ist die Transpersonale Psychologie immer noch nicht zu Hause. Nur wenige Universitätsprofessoren im deutschsprachigen Raum sind aktiv im Bereich der transpersonalen Psychologie engagiert. Dennoch gibt es kontinuierliche Fortschritte in der Anerkennung des Transpersonalen in der akademischen Welt: So hat die Amerikanische Psychiatrische Gesellschaft (APA) in der 4. Auflage Ihres „Diagnostischen und Statistischen Manuals Psychischer Störungen“ (DSM-IV-TR) den Bereich religiöser und spiritueller Probleme als eigene Diagnose(rest)kategorie aufgenommen. Sie ist damit der Anregung transpersonalpsychologischer Forscher gefolgt, abnormes psychisches Erleben von außergewöhnlichen spirituellen Erfahrungen oder religiösen Problemen zu trennen. Letztere können von Klinikern demnach erstmals in der Geschichte der Psychopathologie auf der Basis eines offiziellen Klassifikationsschemas als nicht-pathologischer Sonderfall eingeordnet werden.

Transzendentale Psychologie als Spezifikation transpersonaler Psychologie

Dass transpersonale Psychologie kein einheitliches System ist, lässt sich bereits an ihrer unterschiedlichen Selbstdefinition beobachten. So betonen nicht alle Transpersonalpsychologen einen Bezug zum Transzendenten in der hier dargestellten Weise. Manche setzen den Begriff "transpersonale Psychologie" auch mit "Psychologie des Bewusstseins" gleich. Damit reduzieren sie außergewöhnliche Erfahrungen, wie manche Menschen sie im Alltag, in der Psychotherapie oder in der Meditation machen, auf ein aus herkömmlicher naturwissenschaftlicher Perspektive erklärbares Phänomen. Für den spirituellen Menschen bildet jedoch eine hintergründige Struktur und göttliche Welt jenseits unserer gewöhnlichen eine in bestimmten Bewusstseinszuständen eventuell erreichbare eigene Realität. Zur Abhebung von dieser nicht-spirituellen Interpretation des Transpersonalen als bloß veränderter Bewusstseinszustand, wie sie von Meditationsforschern oft vertreten wird, nenne ich eine dezidiert spirituelle transpersonale Psychologie transzendentale Psychologie (siehe www.transzendentale-psychologie.de) .


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