Wieso ist transpersonale Psychologie nicht das Gleiche wie "Psychologie veränderter Bewusstseinszustände?"


Kein geringerer als der Grof-Schüler Ingo Jahrsetz warnt (in einem Vortrag auf den Basler Psychotherapietagen 2001) davor, die Bedeutung mystischer Zustände zu überschätzen oder sich gar ganz mit ihnen zu identifizieren. Seine Warnung, die im übrigen auch von C. G. Jung (unter anderem) geteilt wird, kann gar nicht deutlich genug unterstrichen werden: selbst derjenige, der sogenannte mystische Erlebnisse hatte, ist deshalb noch nicht befreit von den Schattenseiten seiner menschlichen Persönlichkeit. Viele religiöse Meister, die echte Erleuchtungserfahrungen hatten, kehren daraus wieder zurück in ein Charakterkorsett, das sich noch längst nicht dauerhaft verändert hat, so dass die Nähe zum Göttlichen ein nur momentaner Zustand bleibt, der nichts an ihrem Lebenswandel verändert hat. So entstehen spirituelle Führer – und hierfür sind besonders die fernöstlichen Verhältnisse anfällig – die unter einer Aufblähung ihres Ego leiden und die darunter eventuell durchaus unmoralische Handlungen begehen, obwohl sie tiefe spirituelle Einsichten hatten. Und weiter: was ist eine kleine Erleuchtung wert, solange (so Jahrsetz mit im besten Sinne christlichem Ethos) Menschen verhungern und gefoltert werden. Die alleinige Konzentration auf die mystische Erfahrung in der Transpersonale Psychologie wäre aus diesen Gründen alleine schon die Apotheose {Vergöttlichung} eines goldenen Kalbes. Aber es gibt noch andere Gründe.


Die meisten Menschen auf dieser Erde werden in diesem Leben keine außergewöhnlichen mystischen Erlebnisse haben. Ihre mystischen Erfahrungen werden, wenn überhaupt, eher in alltagsnahen oder alltäglichen Bewusstseinszuständen stattfinden, etwas beim Betrachten eines Sonnenuntergangs. Schon das Interesse Abraham Maslows an sogenannten Peak-Experiences (Erfahrungen der Selbstverwirklichung) tendierte bei aller Relevanz seiner Perspektive doch zu einer gewissermaßen elitären Haltung. Die Transpersonale Psychologie in seiner Nachfolge tut sich bisweilen schwer, diese elitäre Haltung aufzugeben und die gewöhnliche Religion gewöhnlicher Menschen, die Sitten und Bräuche, Kulte und Versenkungsformen unter die Lupe zu nehmen, wie sie nun einmal sind. Erst dadurch aber kann sie neben der Beschäftigung mit den esoterischen Inhalten der Religionen auch selbst zu einer exoterischen, also jedermann potentiell zugänglichen Wissenschaft werden. Das Transzendente offenbart sich eben auch im gewöhnlichen intellektuellen Bewusstsein, in der Emotionalität, in der selbstverständlichen Eingebundenheit in Riten und Rituale vieler Menschen, die keine Berührung mit dem esoterischen Strom religiösen Wissens besitzen.


Und schließlich ist zu bedenken, dass die Erforschung veränderter Bewusstseinszustände leicht zu einer non-spirituellen Disziplin der Psychologie wird, die mit „transpersonal“ nicht das geringste zu tun hat. Wenn nicht sorgfältig differenziert wird zwischen einer drogeninduzierten Störung der Hardware und einer durchaus seltenen, aber vorgesehenen Überfunktion der Software unseres Gehirns, also zwischen psychedelischen und mystischen Zuständen, dann wird das eine so leicht auf das andere reduziert und umgekehrt. Dann ist der Forschungsgegenstand unversehens ein anderer geworden: nämlich das Gehirn und seine Störungen und nicht mehr die transzendente Realität und ihre Wirkungen auf den menschlichen Geist. Eine vollständige physiologische Erklärung der Auswirkungen von Hypoxie oder LSD auf die neuronalen Netze, wie sie evt. bald gegeben werden könnte, kann dann zu einer völligen Negation der Wirklichkeit transpersonaler Realitäten führen. Damit soll nicht Grofs Erfahrung geleugnet werden, dass praktisch jedermann durch Methoden wie das Holotrope Atmen tatsächlich mystische Erfahrungen machen kann, es scheint mir nur noch nicht entschieden zu sein, ob diese Erfahrungen dem entsprechen, was die mystischen Traditionen meinen und was ich für nicht auf biologische Parameter reduzierbar halte. Auch aus diesem, methodischen und wissenschaftstheoretischen Grund, ist eine völlige Identifikation der Transpersonalen Psychologie mit der Bewusstseinsforschung höchst problematisch.